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  • Ann-Christin Hagen

Buchclub 02.03.2022

Aktualisiert: 26. März

„Ein verheißenes Land“ von Barack Obama


Nach unserer Begeisterung für die Biografie von Michelle Obama wollte unsere Buchclub-Runde auch in die Sichtweise von Barack Obama eintauchen, der nicht nur als erster afroamerikanischer US-Präsident in die Geschichte einging, sondern sogar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Höchst gespannt wagten wir uns also an seine rund 1000 Seiten umfassende Biografie (Teil 1) „Ein verheißenes Land“.

Der Penguin-Verlag kündigt das Buch mit entsprechend großen Worten an: „Ein fesselnder und zutiefst persönlicher Bericht darüber, wie Geschichte geschrieben wird – von dem US-Präsidenten, der uns inspirierte, an die Kraft der Demokratie zu glauben.“ Barack Obamas Rückblick auf seine Präsidentschaft – und den Weg dahin – bietet tatsächlich eine umfassende Reflexion über das Ausmaß und auch die Grenzen präsidialer Macht und liefert tiefe Einblicke in die besondere Dynamik US-amerikanischer Politik sowie internationaler Diplomatie. Dabei wird er in Kritiken für seinen absolut uneitlen und selbstkritischen Ton gelobt.


Was erfahren wir?

Barack Obama nimmt uns mit in seinen Alltag und sein Schaffen als junger Mann, Senator, Familienvater und Präsident. Er berichtet sehr persönlich von der Herausforderung, als erster schwarzer Amerikaner für das Amt des US-Präsidenten zu kandidieren und damit die Erwartungen unfassbar vieler Menschen zu schultern. Nach dem Wahlsieg dürfen wir ihn begleiten ins Oval Office des Weißen Hauses, nach Moskau, Kairo, Peking und an viele Orte mehr.

Rückblickend spricht Barack Obama offen über Erfolge, Selbstzweifel und Enttäuschungen – sowie über die Kräfte, die sich ihm im In- und Ausland entgegenstellten. Vor allem aber darüber, was es bedeutet, die moralische Herausforderung anzunehmen, Entscheidungen von immenser Tragweite zu treffen. Der Einblick in seine Gedanken ist spannend und erweitert die eigene Perspektive. Unter anderem beim …

  • Ringen mit der globalen Finanzkrise

  • seiner eigenwilligen Regierungsbildung,

  • dem Versuch, Wladimir Putin einzuschätzen,

  • dem Balanceakt, die chinesische Doppelmoral diplomatisch zu kommentieren,

  • seinem Einsatz für erneuerbare Energien und dem Kampf um die Verabschiedung einer Gesundheitsreform oder

  • der Autorisierung von ‚Neptune’s Spear‘ – der Operation, die zum Tode Osama bin Ladens führte.


Was hat uns inspiriert?


Barack Obama steht zu seinen Fehlern, hält sich aber nicht lange damit auf. Oder anders gesagt: Er verschwendet keine Energie auf Dinge, die bereits passiert sind – auch nicht, wenn es um die Fehler anderer geht. Selbst ehemalige Rivalen holt er ohne Groll in sein Team, wenn er die Person und Expertise schätzt – wie bei Hillary Clinton, die er als Außenministerin einband.

Ebenfalls beeindruckt hat uns sein scheinbar wahnsinnig gutes Gedächtnis. Mit unglaublich vielen, kleinen Geschichten und Details charakterisiert er im Buch mehr Wegbegleiter als der Leser sich merken kann. Das kann anstrengend wirken, ist aber auch bewundernswert.

Auch oder gerade, weil große Ereignisse und Persönlichkeiten in dieser Biografie eine tragende Rolle spielen, sind es vor allem kleine, persönliche Begebenheiten, die unsere Lieblingsstellen ausmachen. Hier zeigt sich Barack Obama vor einer eher emotionalen, sehr geerdeten Seite:


  1. Direkt im Vorwort (S. 11) lässt er im Rückblick auf seinen letzten Flug mit Michelle in der Air Force One anklingen, dass ihn der Wechsel zu Trump als seinem Nachfolger auch persönlich trifft: „Wir waren beide körperlich wie emotional ausgelaugt. Nicht nur von der Anstrengung der vergangenen acht Jahre, sondern auch von den unerwarteten Resultaten einer Wahl, durch die jemand zu meinem Nachfolger bestimmt worden war, der in allem das exakte Gegenteil von dem verkörperte, wofür wir standen.“

  2. In der Wahlnacht setzt Barack Obama sich neben seine Schwiegermutter auf das Sofa und fragt sie, ob alles in Ordnung sei. Sie sagt nur: „Das ist irgendwie zu viel.“ Und er antwortet: „Ich weiß.“ Kurz darauf gibt der Fernsehsender ABC News bekannt, dass Barack Obama der vierundvierzigste Präsident der Vereinigten Staaten ist (S. 291).

  3. In ihrer Botschaft ähnlich ist auch eine kurz davor beschriebene Szene (ebenfalls S. 291) im Auto auf dem Weg ins Hotel für den Wahlabend. Die kleine Malia Obama fragt angesichts einer leeren, sechsspurigen Straße mitleidig: „Daddy, hast Du gewonnen? […] Es sieht nicht so aus, als würden viele Menschen zu der Party kommen, es sind gar keine Autos auf der Straße.“

  4. Auf den Seiten 748 ff. wird Barack Obamas Einstellung zu seinem Amt und auch seine beeindruckende Resilienz deutlich, deren Ausmaß sogar enge Vertraute immer wieder verblüffte – was er mit lustigen Dialogen belegt. Dass ihn Druck und Rückschläge nur wenig erschüttern können, erklärt Obama daraufhin folgendermaßen (S. 750): „Der Wirbel, der um einen Präsidenten gemacht wird, der Pomp, die Presse, die realen Einschränkungen – darauf hätte ich verzichten können. Die eigentliche Arbeit allerdings? Die Arbeit liebte ich. Auch wenn sie mich nicht zurückliebte.“


Was nehmen wir mit für unser eigenes Leben und Arbeiten?


  1. Nach Fehlern oder einem Scheitern wollen wir künftig weniger (am besten keine) Energie mehr auf den Ärger darüber verschwenden. Unser Ziel: Konsequent nach vorne blicken und weitermachen – daraus lernen und es besser machen.

  2. Barack Obama folgt seinem Idealismus und ist dabei ein gutes Beispiel für „Wenn man tut, was man liebt, braucht es weniger Ausgleich zur Arbeit.“ Das bringt uns zum Nachdenken: Welche Rolle spielen unsere Werte und Leidenschaften in unserer Arbeit? Und wo sehen wir Potential, unsere Arbeit noch stärker an dem auszurichten, was uns wirklich wichtig ist?

  3. Trotz seiner zeitraubenden Ämter und nicht immer populären Entscheidungen, hat Barack Obama viele sehr loyale Freunde, Bekannte und eine liebende Familie um sich. Darüber hinaus scheint es (von politischen Gegnern mal abgesehen) nur wenige Menschen in seinem Umfeld zu geben, die Barack Obama nicht mögen.

Wir haben uns gefragt: Wie macht er das? Eine mögliche Antwort: Er schenkt wirklich jedem – wenn auch nur kurz – seine fokussierte Aufmerksamkeit und zeigt echtes Interesse. Kein Mensch ist ihm zu unbedeutend, kein Thema zu klein. Daran wollen wir uns ein Beispiel nehmen, denn das wünschen wir uns auch stärker für unser Umfeld – und vielleicht können wir uns damit sogar seiner so gewinnenden Ausstrahlung annähern.


Unser Fazit


Wir sind beeindruckt von der Persönlichkeit Barack Obamas, die wir über seine Biografie etwas näher kennenlernen durften. Neben seinen politischen Errungenschaften bleibt er uns sehr sympathisch als „coole Type“ in Erinnerung. Die Liste der Stellen, die uns inspiriert, bewegt oder zum Nachdenken gebracht haben, ist länger als wir hier anführen konnten – wir nehmen einiges mit.

Dennoch: Der mit reichlich politischen Details gespickte Lebensrückblick von Barack Obama konnte uns nicht derart mitreißen, wie die sehr persönlichen Erzählungen von Michelle Obama. So spannend und aufschlussreich er Bilanz zieht, so langatmig ist auch ein großer Teil seiner Ausführungen. Kurzfassen ist nicht seine Stärke, wie er auch selbst über sich sagt.

„Ein verheißenes Land“ ist ein ganz klar ein anspruchsvolles Buch, mit dem man sich intensiv auseinandersetzen muss – kein Roman für entspannte Stunden. Daher ist unsere Meinung etwas gespalten (je nach politischem Interesse) und pendelt sich auf eine durchschnittliche Bewertung in Schulnoten von 3,0 ein.


Extratipp: Das Hörbuch ist angesichts der rund 1000 Buchseiten sehr zu empfehlen, lässt es sich doch auch nebenbei beim Autofahren, Bilder sortieren oder der Gartenarbeit hören. Bonus: Einen kleinen Teil am Anfang spricht Barack Obama selbst, das macht es noch authentischer.


Unser nächster Buchclub macht einen Abstecher zum Film und findet am 20.04.2022 statt: Dann sprechen wir über den Film „Wüstenblume“, der die berührende, wahre Geschichte von Waris Dirie erzählt (und auf dem gleichnamigen Buch basiert).


Der darauffolgende, wieder reguläre Buchclub ist für den 4. Mai 2022 geplant. Bis dahin lesen wir „Erfülltes Leben“ von Friedemann Schulz von Thun. Der ‚Meister der Kommunikation‘ stellt darin laut Verlagsbeschreibung ein einfaches Modell für ein erfülltes Leben vor. Wir sind gespannt!

Egal ob Mitglied oder nicht: Wir freuen uns auf den Austausch mit euch!

Hier geht’s zur Anmeldung.



Text: Miriam Nuschke

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